Für die Auswertung einer Bilanz können verschiedene Kennzahlen und Zusammenhänge untersucht werden. Dabei spielen unter anderem die Liquidierbarkeit der Vermögenswerte, die Fälligkeit des Kapitals, die Anlagendeckung und die Liquidität eine wichtige Rolle. Die Aktivseite zeigt, wofür das Kapital eines Unternehmens verwendet wurde, während die Passivseite Auskunft über die Herkunft des Kapitals gibt. Anhand der Reihenfolge der Bilanzpositionen und verschiedener Kennzahlen kannst du die Vermögens- und Finanzierungsstruktur genauer untersuchen. Im Folgenden erfährst du, wie diese Zusammenhänge funktionieren und wie die wichtigsten Kennzahlen berechnet werden.
Liquidierbarkeit und Fälligkeit in der Bilanz
Die Aktivseite einer Bilanz zeigt die Mittelverwendung. Dort stehen die Vermögenswerte des Unternehmens, die sich in Anlagevermögen und Umlaufvermögen unterteilen. Die Passivseite zeigt dagegen die Mittelherkunft und enthält das Eigenkapital und das Fremdkapital.
Die einzelnen Positionen stehen dabei nicht zufällig in einer bestimmten Reihenfolge. Auf der Aktivseite werden die Vermögenswerte nach ihrer Liquidierbarkeit geordnet. Je schneller ein Vermögenswert in Geld umgewandelt werden kann, desto weiter unten steht er grundsätzlich in der Bilanz.
Deshalb steht das Anlagevermögen weiter oben und das Umlaufvermögen weiter unten. Ein Grundstück oder eine Maschine lässt sich beispielsweise normalerweise nicht so schnell in Geld umwandeln wie Waren. Kassenbestand und Bankguthaben sind besonders liquide und stehen daher weit unten auf der Aktivseite.
Die Passivseite wird dagegen nach der Fälligkeit beziehungsweise Dauer der Kapitalüberlassung geordnet. Kapital, das dem Unternehmen langfristig zur Verfügung steht, befindet sich weiter oben. Kurzfristig fällige Verbindlichkeiten stehen weiter unten.
Das Eigenkapital steht deshalb weit oben auf der Passivseite, da es dem Unternehmen grundsätzlich langfristig zur Verfügung steht. Kurzfristige Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten müssen dagegen zeitnah beglichen werden und befinden sich entsprechend weiter unten.
Anlagendeckungsgrad I
Eine wichtige Kennzahl zur Bilanzauswertung ist der Anlagendeckungsgrad I, auch Deckungsgrad I genannt. Er zeigt, zu welchem Anteil das Anlagevermögen durch Eigenkapital finanziert wird.
Dahinter steht der Grundgedanke der goldenen Bilanzregel: Langfristig im Unternehmen gebundenes Vermögen sollte möglichst durch langfristig verfügbares Kapital finanziert werden.
Für den Anlagendeckungsgrad I werden das Eigenkapital und das Anlagevermögen benötigt.
Die Formel lautet:
Anlagendeckungsgrad I = Eigenkapital : Anlagevermögen × 100 %
Anlagendeckungsgrad I berechnen
In unserem Beispiel besteht das Anlagevermögen aus:
• Maschinen: 120.000 €
• Betriebs- und Geschäftsausstattung: 40.000 €
• Fuhrpark: 60.000 €
Das gesamte Anlagevermögen beträgt:
120.000 € + 40.000 € + 60.000 € = 220.000 €
Das Eigenkapital beträgt: 200.000 €
Nun wird berechnet, welcher Anteil des Anlagevermögens durch Eigenkapital gedeckt ist:
200.000 € : 220.000 € × 100 % = ca. 90,9 %
Der Anlagendeckungsgrad I beträgt somit rund 90,9 %. Das bedeutet, dass etwa 90,9 % des Anlagevermögens durch Eigenkapital finanziert werden können.
Ein Anlagendeckungsgrad I von 100 % würde bedeuten, dass das gesamte Anlagevermögen durch Eigenkapital gedeckt ist. Liegt der Wert darunter, reicht das Eigenkapital allein nicht aus, um das gesamte Anlagevermögen zu finanzieren. Für eine umfassendere Beurteilung der langfristigen Finanzierung kann zusätzlich langfristiges Fremdkapital berücksichtigt werden.
Liquidität eines Unternehmens
Eine weitere wichtige Größe bei der Bilanzauswertung ist die Liquidität. Unter Liquidität versteht man die Fähigkeit eines Unternehmens, seinen Zahlungsverpflichtungen fristgerecht nachzukommen.
Für die Berechnung können unterschiedliche Liquiditätsgrade verwendet werden. Wird das gesamte Umlaufvermögen zum kurzfristigen Fremdkapital ins Verhältnis gesetzt, handelt es sich um die Liquidität 3. Grades.
Die Formel lautet:
Liquidität 3. Grades = Umlaufvermögen : kurzfristiges Fremdkapital × 100 %
Damit wird geprüft, in welchem Umfang die kurzfristigen Verbindlichkeiten durch das vorhandene Umlaufvermögen gedeckt sind.
Liquidität berechnen
In unserem Beispiel besteht das Umlaufvermögen aus:
• Warenbestand: 100.000 €
• Bankguthaben: 40.000 €
• Kassenbestand: 10.000 €
Das Umlaufvermögen beträgt insgesamt:
100.000 € + 40.000 € + 10.000 € = 150.000 €
Das kurzfristige Fremdkapital beträgt: 50.000 €
Nun wird die Liquidität 3. Grades berechnet:
150.000 € : 50.000 € × 100 % = 300 %
Die Liquidität 3. Grades beträgt somit 300 %.
Das bedeutet, dass das Umlaufvermögen dreimal so hoch ist wie das kurzfristige Fremdkapital. Rein rechnerisch ist damit ausreichend Umlaufvermögen vorhanden, um die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu decken.
Ein sehr hoher Wert ist allerdings nicht automatisch optimal. Er kann beispielsweise darauf hindeuten, dass vergleichsweise viel Kapital im Umlaufvermögen gebunden ist und nicht anderweitig eingesetzt wird. Die Kennzahl sollte daher immer zusammen mit weiteren Informationen über das Unternehmen beurteilt werden.
Anlagendeckungsgrad und Liquidität im Vergleich
Der Anlagendeckungsgrad und die Liquidität betrachten unterschiedliche Bereiche der Bilanz.
Der Anlagendeckungsgrad I untersucht die langfristige Finanzierung des Anlagevermögens:
Eigenkapital : Anlagevermögen × 100 %
Die Liquidität 3. Grades untersucht dagegen, in welchem Verhältnis Umlaufvermögen und kurzfristige Verbindlichkeiten stehen:
Umlaufvermögen : kurzfristiges Fremdkapital × 100 %
Damit betrachtet der Anlagendeckungsgrad vor allem die langfristige Finanzierung, während die Liquiditätskennzahl stärker auf die kurzfristige Zahlungsfähigkeit ausgerichtet ist.
Zusammenfassung
• Die Aktivseite ist nach der Liquidierbarkeit der Vermögenswerte geordnet.
• Schnell liquidierbare Vermögenswerte stehen weiter unten auf der Aktivseite.
• Die Passivseite ist nach der Fälligkeit beziehungsweise Dauer der Kapitalüberlassung gegliedert.
• Der Anlagendeckungsgrad I zeigt, welcher Anteil des Anlagevermögens durch Eigenkapital gedeckt ist.
• Die Formel lautet: Eigenkapital : Anlagevermögen × 100 %.
• Im Beispiel beträgt der Anlagendeckungsgrad I rund 90,9 %.
• Die Liquidität 3. Grades zeigt, in welchem Verhältnis das Umlaufvermögen zum kurzfristigen Fremdkapital steht.
• Die Formel lautet: Umlaufvermögen : kurzfristiges Fremdkapital × 100 %.
• Im Beispiel beträgt die Liquidität 3. Grades 300 %.
• Beide Kennzahlen helfen dabei, die Finanzierungs- und Vermögensstruktur eines Unternehmens genauer zu beurteilen.
Beispielaufgaben
In welcher Reihenfolge stehen die folgenden Positionen auf der Aktivseite der Bilanz? Gehe dabei von oben nach unten vor.
A. Kassenbestand → Bankguthaben → Forderungen aus Lieferungen und Leistungen → Betriebs- und Geschäftsausstattung → Anlagen und Maschinen
B. Anlagen und Maschinen → Betriebs- und Geschäftsausstattung → Forderungen aus Lieferungen und Leistungen → Bankguthaben → Kassenbestand
C. Forderungen aus Lieferungen und Leistungen → Anlagen und Maschinen → Betriebs- und Geschäftsausstattung → Kassenbestand → Bankguthaben
D. Betriebs- und Geschäftsausstattung → Anlagen und Maschinen → Bankguthaben → Forderungen aus Lieferungen und Leistungen → Kassenbestand
E. Anlagen und Maschinen → Forderungen aus Lieferungen und Leistungen → Betriebs- und Geschäftsausstattung → Kassenbestand → Bankguthaben
In welcher Reihenfolge werden die folgenden Positionen auf der Passivseite der Bilanz sortiert? Gehe dabei von oben nach unten vor.
A. Eigenkapital → Rückstellungen → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Rechnungsabgrenzungsposten
B. Rückstellungen → Eigenkapital → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Rechnungsabgrenzungsposten
C. Eigenkapital → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Rückstellungen → Rechnungsabgrenzungsposten → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten
D. Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Rückstellungen → Eigenkapital → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Rechnungsabgrenzungsposten
E. Rechnungsabgrenzungsposten → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Rückstellungen → Eigenkapital
Welche Aussagen zur Eigenkapitalquote können getroffen werden? In unserem Beispiel beträgt sie 70 %.
A. Eigenkapital → Rückstellungen → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Rechnungsabgrenzungsposten
B. Rückstellungen → Eigenkapital → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Rechnungsabgrenzungsposten
C. Eigenkapital → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Rückstellungen → Rechnungsabgrenzungsposten → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten
D. Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Rückstellungen → Eigenkapital → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Rechnungsabgrenzungsposten
E. Rechnungsabgrenzungsposten → Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen → Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten → Rückstellungen → Eigenkapital
Folgende Zahlen aus dem Rechnungswesen liegen vor:
Anlagen und Maschinen: 250.000 €
Betriebs- und Geschäftsausstattung: 50.000 €
Fuhrpark: 60.000 €
Kassenbestand: 20.000 €
Fremdkapital: 50.000 €
Gesamtkapital: 500.000 €
Wie hoch ist der Anlagendeckungsgrad I?
A. Der Anlagendeckungsgrad liegt bei 90 %.
B. Der Anlagendeckungsgrad liegt bei 112 %.
C. Der Anlagendeckungsgrad liegt bei 125 %.
D. Der Anlagendeckungsgrad liegt bei 138 %.
E. Der Anlagendeckungsgrad liegt bei 120 %.
Welche Aussagen zum Anlagendeckungsgrad sind richtig?
A. Bei einem Anlagendeckungsgrad von über 100 % wissen wir, dass das Anlagevermögen zu über 100 % durch das Eigenkapital gedeckt ist und vollständig durch eigene Mittel finanziert ist.
B. Um den Anlagendeckungsgrad zu berechnen, wird das Eigenkapital durch das Anlagevermögen geteilt und das Ergebnis mit 100 % multipliziert.
C. Um den Anlagendeckungsgrad zu berechnen, müssen wir die Summe des Anlagevermögens und des Eigenkapitals ermitteln.
D. Die goldene Bilanzregel besagt, dass langfristiges Vermögen auch langfristig finanziert sein sollte.
E. Der Anlagendeckungsgrad wird auch als Deckungsgrad I bezeichnet.
Wie lautet die allgemeine Formel zur Berechnung der Liquidität?
A. Liquidität = Fremdkapital × Eigenkapital × 100 %
B. Liquidität = kurzfristiges Fremdkapital × Umlaufvermögen × 100 %
C. Liquidität = kurzfristiges Fremdkapital : Umlaufvermögen × 100 %
D. Liquidität = Umlaufvermögen : kurzfristiges Fremdkapital × 100 %
E. Liquidität = Umlaufvermögen × langfristiges Fremdkapital × 100 %








