Erfahrungsbericht: Auswahlverfahren Polizei Nordrhein-Westfalen (gehobener Dienst)

Der erste Tag des Auswahlverfahrens für den gehobenen Polizeivollzugsdienst in NRW fand in Münster statt. Jeder Bewerber hatte die Möglichkeit, bereits am Vortag anzureisen und auf dem Gelände zu übernachten, was ich dann auch gerne wahrgenommen habe. Zusammen mit einem anderen Leidensgenossen bekam ich ein Doppelzimmer zugewiesen. Die Ausstattung würde ich als relativ spartanisch bezeichnen, aber für eine Nacht war es kein Problem. Dusche und Toilette mussten wir uns mit den beiden Kollegen aus dem Nachbarzimmer teilen.

Am nächsten Morgen hatte man die Möglichkeit, ab sechs Uhr im Casino der Kaserne zu frühstücken. Auf eigene Kosten, versteht sich.

Der Einstellungstest

Der Testbeginn war für 7:30 Uhr angesetzt. Zunächst fanden wir uns alle zur Anwesenheitskontrolle in einem Vorraum ein, wo man uns in zwei Gruppen aufteilte. Anschließend ging es in den Prüfungsraum zum computergesteuerten Einstellungstest. Jeder bekam seinen persönlichen Rechner zugewiesen, dann hat der Testleiter das genaue Procedere erklärt.

Die Bearbeitungszeit für die einzelnen Aufgabenblöcke erfuhren wir immer zu Beginn eines Aufgabenteils. Danach mussten wir allerdings im Blindflug arbeiten, denn die verbleibende Restzeit wurde nirgendwo angezeigt. Wenn man zu lange brauchte, brach die jeweilige Aufgabe automatisch ab. Meist war die Bearbeitungsdauer so knapp bemessen, dass man ziemlichen Stress hatte und keine größeren Überlegungen anstellen konnte. Noch dazu waren die meisten Aufgaben nicht gerade einfach.

Logisches Denkvermögen

Der Einstellungstest startete mit Aufgaben zum logischen Denkvermögen, genauer gesagt mit Figurenmatrizen: Wir erhielten eine Tabelle mit drei mal drei Feldern, die nach einer logischen Regel mit verschiedenen Figuren besetzt waren. Eine Figur fehlte – die musste man innerhalb von 15 Sekunden unter sechs Vorschlägen richtig bestimmen. Es folgte eine Datenanalyse: Wir erhielten eine umfangreiche Statistik und sollten dazu – durch Herausziehen der jeweils relevanten Informationen – mehrere Fragen beantworten. Weiterhin mussten wir Flussdiagramme nachvollziehen, mit Zahlensymbolen rechnen, Wortanalogien vervollständigen und Aussagen dahingehend bewerten, ob es sich um Tatsachen oder Meinungen handelt. Sehr knifflig waren die absurden Schlussfolgerungen: Dabei wurden vollkommen abstruse Behauptungen vorgestellt („Alle Häuser sind blau, blaue Häuser können fliegen“), die mit einer Aussage verknüpft wurden („Alles, was blau ist, kann fliegen“). Unsere Aufgabe war zu entscheiden, ob die Aussage logisch aus der Behauptung hervorgeht.

Sprachverständnis

Auf Rechtschreibung und Sprachverständnis wurde im Einstellungstest ebenfalls viel Wert gelegt. Wir sollten die richtige Schreibweise von Wörtern und Straßennamen bestimmen, in einem längeren Text fehlende Kommas ergänzen und Satzteile in die richtige Reihenfolge bringen, damit sich ein sinnvoller Text ergibt.

Psychologischer Test und Merkfähigkeit

Sehr ungewöhnlich war der psychologische Aufgabenteil. Darin wurden verschiedene polizeitypische Situationen und Reaktionsmöglichkeiten beschrieben, und wir sollten einschätzen, wie stark wir uns mit den geschilderten Verhaltensweisen identifizieren können. Zwischen den verschiedenen Szenarien hatten wir uns außerdem Steckbriefe verschiedener Personen einzuprägen (natürlich unter Zeitdruck!). Die Steckbrief-Informationen wurden nach einer eingeschobenen Psychologie-Aufgabe wieder abgefragt.

Zwischen den Aufgabentypen durften wir nach eigenem Ermessen Pause machen. Weil ich schnell fertig werden wollte, nahm ich mir allerdings immer nur kurz Zeit zum Durchatmen. Insgesamt habe ich für den Einstellungstest mit ungefähr 330 Fragen rund drei Stunden gebraucht. Mein Tipp: Üben. Ohne Vorbereitung ist man aufgeschmissen! Man sollte den Lösungsweg der Aufgaben vorher kennen lernen, sonst wird man dank des Zeitdrucks und des Schwierigkeitsniveaus Probleme bekommen.

Nach dem Test begann das nervenzehrende Warten auf die Ergebnisse. In der Zwischenzeit durften wir noch zu einem Formalgespräch über unsere persönlichen Voraussetzungen antreten. Dabei ging es unter anderem um Tätowierungen und eventuelle Straftaten. Um zwölf Uhr mittags kamen wir zur Verkündung der Testergebnisse schließlich wieder im Prüfungsraum zusammen. Ohne großes Drumherum wurden die Namen derjenigen aufgerufen, die es geschafft hatten – der Rest durfte nach Hause. Die Punktzahlen erfuhren wir übrigens nicht; es hieß nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“.

Der Wiener Test

Wer den Einstellungstest gemeistert hatte, wurde nachmittags mit dem Wiener Test konfrontiert. Der Wiener Test ist ebenfalls vollständig computergestützt und gliedert sich in mehrere kleine Prüfungen. Erinnern kann ich mich an einen Reaktionstest, einen Aufmerksamkeitstest, einen Orientierungstest, einen Stressbelastbarkeitstest und einen Konzentrationstest. Im Unterschied zum Computertest am Vormittag arbeitet man im Wiener Test nicht mit einer Maus und einer normalen Tastatur, sondern mit Farbtasten und Fußpedalen. Außerdem hat man einen Kopfhörer auf, über den Tonsignale eingespielt werden, auf die man auf eine bestimmte Art reagieren muss.

Der Wiener Test dauerte insgesamt etwa eine halbe Stunde. Wenn man in einem Bereich nicht die verlangte Punktzahl geschafft hatte, war man aus dem Rennen. Für mich lief der Wiener Test ganz gut, sodass ich den ersten Auswahltag erfolgreich hinter mich bringen konnte. Die nächste Station war die polizeiärztliche Untersuchung.

Die ärztliche Untersuchung

Die polizeiärztliche Untersuchung ist das größte Problem im Auswahlverfahren, hier fliegen regelmäßig die meisten Kandidaten raus. Ich habe gehört, dass sogar notorisches Fingernägelkauen schon ein K.O.-Kriterium ist. Untersucht wurde so ziemlich alles: Seh- und Hörvermögen, das Gebiss, Körpergröße und -gewicht, Lungenvolumen, Hände und Füße, Gelenke, Rücken und Wirbelsäule sowie der Ruhe- und Belastungspuls. Überraschenderweise gab es sogar eine kleine Sportprüfung: Bei einem Belastungs-EKG sollten wir mehrere Minuten lang auf einem Fahrrad-Ergometer unter steigender Belastung radeln, ohne dass der Puls zu hoch klettert. Für das Belastungs-EKG sollte man vorher auf jeden Fall zumindest etwas Ausdauertraining machen. Einen „richtigen“ Sporttest gibt es in NRW ja nicht mehr, stattdessen muss man das deutsche Sportabzeichen und das Rettungsschwimmabzeichen in Bronze vorlegen.

Wenn der Polizeiarzt einen für „diensttauglich“ befunden hatte, wurde man zum Assessment Center eingeladen.

Das Assessment Center

Am dritten Testtag veranstaltete die Polizei NRW das Assessment Center. Eingeplant waren zwei Rollenspiele, eine Präsentation und ein Einzelgespräch. Dabei achteten die Prüfer zum Beispiel auf analytische Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen, Motivation, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Teamtauglichkeit.

Rollenspiel 1

Das erste Rollenspiel dauerte fünf bis zehn Minuten. Es ging dabei um eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen, wie sie im Dienstalltag vorkommen kann. Der Kollege war der Problemverursacher und wurde von einem der Prüfer gespielt. Man durfte deswegen aber auf keinen Fall klein beigeben; im Rollenspiel stand man auf einer Stufe mit dem Mitspieler.

Präsentation

Bei der Präsentation handelte es sich um einen Vortrag über ein alltagsnahes Thema, das man sich aus einer Auswahlliste aussuchen konnte. Man hatte eine Viertelstunde Zeit zur Vorbereitung und Einarbeitung und rund fünf Minuten Zeit für den Vortrag. Anschließend haben die Prüfer noch ein paar Fragen gestellt.

Rollenspiel 2 (Postkorbübung)

Das zweite Rollenspiel war eigentlich eine Postkorbübung. Als Büromitarbeiter in einer Polizeistelle musste man innerhalb von ungefähr 20 Minuten alle möglichen Anrufe, Anfragen und schriftlichen Unterlagen angemessen bearbeiten. Dabei kam es vor allem auf Urteilsvermögen, Arbeitsgeschwindigkeit und Sorgfalt an.

Einzelgespräch

Zum Schluss baten die Prüfer zum Einzelgespräch, für das eine Dreiviertelstunde vorgesehen war. Zuerst wollten die Interviewer, dass ich meinen Werdegang beschreibe; in der Antwort habe ich mich auf die Schule und meine bisherige Berufserfahrung konzentriert. Außerdem haben sie gefragt, wie ich mir die Ausbildung und den Berufsalltag bei der Polizei NRW vorstelle, was ich über die Behörde weiß, welche Erwartungen ich habe und einiges mehr.

Für das Abschneiden im Assessment Center bekam man Punkte, die mit den Resultaten des Einstellungstests und des Wiener Tests verrechnet wurden. Das Gesamtergebnis bildete den persönlichen Rangordnungswert (ROW), nach dem man in ein Bewerber-Ranking eingeordnet wird. Anhand der Platzierung in diesem Ranking entscheidet sich, wer den Ausbildungsplatz bei der Polizei NRW bekommt.

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